Ortskundlicher Arbeitskreis Erzhausen
 

Buchvorstellung

Klaus Becker
Erzhausen 1945 -
Nationalsozialisten und Verfolgte

1. Oktober 2026
19:00 Uhr im Cafè Schee

Klaus Becker stellte sein neues Buch vor:

Erzhausen 1945 – Nationalsozialisten und Verfolgte

Einleitung

 „Es muss doch einmal Schluss sein“ – das sagen vor allem diejenigen, die noch nie damit begonnen haben, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihrem Erbe auseinanderzusetzen. Sorgfältig wurde diese Vergangenheit in Aktenordnern abgelegt, verwahrt und abgeheftet. In den Kellern der Behörden schien sie endgültig verschwunden. Doch mit den Akten verschwanden weder die Erinnerungen noch die Verantwortung. „Wie sind wir Nach-Nazi-Kinder nur aufgewachsen?“, fragte Gabriele von Arnim 1989 in ihrem Buch Das große Schweigen.

Dieses Schweigen hat Klaus Becker mit seinem neuen Buch „Erzhausen 1945. Nationalsozialisten und Verfolgte“ aufgebrochen. Nach jahrelanger und mühevoller Recherche zeichnet er darin nach, wie die Nationalsozialisten auch in dem kleinen Dorf Erzhausen die politische Macht ergriffen – in einer Gemeinde, in der zuvor über lange Zeit SPD und KPD die politische Mehrheit gestellt hatten. Becker richtet den Blick dabei nicht allein auf die großen Verbrechen des NS-Regimes, die Deutschland und Europa in die Katastrophe führten. Ihn interessiert vielmehr auch die Frage, wie sich diese Herrschaft vor Ort vollzog, wer sie unterstützte und was sie für die Menschen in Erzhausen bedeutete.

Dabei begleitet ihn ein Satz seines Vaters Karl Becker, der wie ein Leitgedanke über seiner Arbeit stehen könnte: „Ihr redet von ‚den Nazis‘, von den Nationalsozialisten, als wären sie als Fremde über uns Einheimische hergefallen und hätten uns gezwungen, ihnen nachzulaufen. Die Nationalsozialisten, das waren doch wir, wir selbst, wir, die hier groß geworden waren.“

Gerade dieser Satz macht deutlich, worum es Klaus Becker geht: Die Geschichte des Nationalsozialismus darf nicht auf die Vorstellung reduziert werden, dass „die Nazis“ von außen kamen und eine ansonsten unbeteiligte Gesellschaft übernahmen. Auch in Erzhausen gab es Menschen, die das Regime unterstützten, Ämter übernahmen, der NSDAP beitraten oder von den neuen Verhältnissen profitierten. Und es gab Menschen, die verfolgt, gedemütigt, entrechtet und ihrer Freiheit beraubt wurden.

Klaus Becker holt diese Geschichte aus den Akten zurück in die Erinnerung. Er gibt den Menschen Namen, macht ihre Lebenswege sichtbar und stellt damit eine unbequeme, aber notwendige Frage: Was geschah damals nicht irgendwo, sondern hier – mitten unter uns?

Am Donnerstag, dem 1. Oktober 2026, stellte Klaus Becker sein neues Buch im Café Schee vor. Der Einladung war eine überraschend große Zahl von Besucherinnen und Besuchern gefolgt. Dass das Interesse an dem Thema weit über die reine Buchvorstellung hinausging, zeigte sich besonders in der anschließenden lebhaften und engagierten Diskussion.

Bürgermeisterin Claudia Lange
In ihre Begrüßungsansprache sagte Claudia Lange unter anderem:

Es ist wahrscheinlich Zufall, aber vor genau 80 Jahren, am 1. Oktober 1946, verkündete der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg die Urteile gegen die führenden Nationalsozialisten. Zwölf Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, drei erhielten lebenslange und vier langjährige Freiheitsstrafen. Drei Angeklagte wurden freigesprochen.

Klaus Becker hat für sein Buch mit großer Sorgfalt und Akribie recherchiert. Dabei geht es ihm nicht darum, Menschen nachträglich an den Pranger zu stellen oder jemanden zu verletzen. Vielmehr möchte er Geschichte sichtbar machen, Zusammenhänge aufzeigen und mit den Menschen darüber ins Gespräch kommen.

Die überwältigend große Teilnahme heute zeigt, wie groß das Interesse an diesem schwierigen Kapitel der Erzhäuser Geschichte ist. Weitere Gelegenheiten für Gespräche und vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema werden sich sicherlich auch nach der heutigen Veranstaltung noch ergeben.

Vortrag Klaus Becker

In seinem Vortrag beleuchtete Klaus Becker verschiedene Aspekte seines Buches. Die im Verlauf seiner Recherchen gefundenen Dokumente zeichnen nicht nur das Bild aktiver Nationalsozialisten, sondern erzählen ebenso von zahlreichen Menschen, die unter dem Regime zu Opfern wurden. Den Schwerpunkt in seinem Vortrag legte Becker deshalb auf die Schicksale jener Menschen, die in Erzhausen während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, entrechtet und zu Schaden kamen. Er ging detailliert der Frage nach, was ihnen passiert ist und wie sie entschädigt wurden.

Diskussion

In der anschließenden, außerordentlich lebhaften Diskussion wurden zahlreiche Aspekte des Themas aufgegriffen. Zur Sprache kamen unter anderem das Schicksal der jüdischen Mitbürger, die Frage, warum so viele Erzhäuser der NSDAP beitraten, die Spruchkammerverfahren nach 1945 sowie das Schicksal von Pfarrer Werner. Immer wieder wurde dabei deutlich, wie groß die Wissenslücken in den nachfolgenden Generationen sind. Viele Menschen erfuhren von ihren Eltern nur wenig oder gar nichts darüber, was diese zwischen 1933 und 1945 getan und erlebt hatten – und auch nicht darüber, ob und in welcher Weise sie selbst schuldig geworden waren. Gerade dieses Schweigen innerhalb der Familien machte deutlich, wie schwierig, aber auch wie notwendig die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bis heute ist.

Breiten Raum nahm in der Diskussion das Anwachsen der rechtsradikalen Kräfte in Deutschland ein.

Einigkeit bestand in der Frage, ob in Erzhausen ein Mahnmal für die Verfolgten des NS-Regimes geschaffen werden sollte. Es könnte an die Menschen erinnern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt und entrechtet wurden, und ihnen die ihnen gebührende Anerkennung und Würdigung zuteilwerden lassen. Dabei, so die übereinstimmende Meinung, müsste ein solches Zeichen des Gedenkens keineswegs aufwendig oder kostspielig sein – auch mit einfachen Mitteln ließe sich ein würdiger Ort der Erinnerung schaffen.

Schlusswort von Klaus Becker:

„Im Grunde bin ich auch sicher, dass es einige Zeitgenossen unter uns gibt, die meinen, es sei nicht opportun, den traurigsten und verbrecherischsten Teil deutscher Geschichte nun auch noch auf unsere Heimatgemeinde zu projizieren. Ihnen muss geantwortet werden, dass jede Gemeinde, bleibt sie auch immer in die `große Politik` eingebunden, dennoch ihre eigene Tradition und ein Stück Individualität besitzt.

Auch unsere Gemeinde Erzhausen hat ihre facettenreiche Geschichte. Es würde geradezu selbstzerstörerisch wirken, wollte sie ihre Vergangenheit leugnen oder verdrängen, zumal auch mutige Frauen und Männer aus dem Widerstand hervorgegangen sind. An sie sollte in diesem Zusammenhang ebenfalls gedacht werden. Und auf die Erforschung darf schon aus staatspolitischen Gründen nicht verzichtet werden.

Wie sollte sich unser Volk „befreien“, wenn es nicht endlich Schuld und Last aufarbeitet? Wie sollten die nachfolgenden Generationen verantwortungsvoll ihre Zukunft gestalten, ohne auf die Erkenntnisse der Geschichte zurückzugreifen? Also ist die Aufarbeitung der neueren Geschichte gleichermaßen dringend wie zwingend.

So soll dieses hier vorliegende, für die Gemeinde Erzhausen erarbeitete Werk, nicht nur als ein ortsgeschichtlicher Beitrag verstanden und als ´Erinnerung` gewertet werden; es soll uns allen Ansporn sein, im ständigen Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit, im Kampf für Frieden, Völkerverständigung und Menschenrechte; es soll durchaus zu Meinungsaustausch reizen und für uns alle ein Beitrag für eine gute Zukunft sein.

Ich hoffe deshalb sehr, dass dieses Buch - vor allem in der jüngeren Generation – eine breite und interessierte Leserschaft nicht nur in Erzhausen findet.“

In den Wochen vor der Buchvorstellung erschienen einige
Artikel im Darmstädter Echo und im Erzhäuser Anzeiger:
Artikel von Klaus Becker
im Erzhäuser Anzeiger
vom 17. September 2026
Artikel von Klaus Becker
im Erzhäuser Anzeiger
vom 1. Oktober 2026
Artikel von Marco Trotta
im Darmstädter Echo
vom 30. September 2026
 
 
Hier nun einige Bilder aus dem Café Schee kurz vor Beginn der Buchvorstellung:
 


Gute Gelegenheit:
bei Christiane Lucht (OAK) konnte man das neue Buch von Klaus Becker gleich erwerben:
 

 

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Die Buchvorstellung konnte nun beginnen, und
Klaus Becker begrüßt die Gäste gemeinsam mit den beiden
Moderatoren Christina Seibold und Gerhard Kraft (OAK):

 

Bürgermeisterin Claudia Lange war natürlich auch zur
Buchvorstellung gekommen und sprach zu Beginn ein Grußwort:
 

Klaus Becker begann nun mit seinem Vortrag:


Nach dem Ende des Vortrags von Klaus Becker begann eine lebhafte Diskussion,
an der sich auch Hans Schmidt (OAK) mit einem Beitrag beteiligte:
 

Nach dem Ende der Diskussion sprach Klaus Becker sein Schlusswort:
 

Auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung ging
die lebhafte Diskussion noch eine ganze Weile weiter:

 
 
 

Das neue Buch von Klaus Becker ist ein mutiges und wichtiges Buch – eines, mit dem man sich nicht unbedingt nur Freunde macht. Es greift ein schwieriges Kapitel der Erzhäuser Geschichte auf und stößt eine Diskussion an, die möglicherweise viel zu lange im Stillen verharrt hat. Gerade deshalb ist dieses Buch von besonderer Bedeutung und zählt zweifellos zu den wichtigsten Publikationen des OAK Erzhausen.


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